Salutogenese: Wie wir resilient gegen Krisen werden

Corona hat uns immer noch fest im Griff. Was hilft? Ausrasten? Resignieren? Oder ganz einfach nichts tun und abwarten? Alles keine guten Strategien. Der Fokus auf die Pandemie und ihre Folgen macht uns und damit eine ganze Gesellschaft krank. Die Salutogenese bietet Auswege.

Als der Psychologe Aaron Antonowsky Überlebende des Holocaust untersuchte, staunte er nicht schlecht. Dass die meisten der Opfer auch noch Jahre nach den unermesslichen Qualen litten, hatte er erwartet. Aber fast jeder Dritte, der die Hölle der Diskriminierung, der Verfolgung und der Misshandlungen überlebt hatte, zeigte keine Symptome einer dauerhaften psychischen Beeinträchtigung. Auch spätere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass 30% der Betroffenen traumatischer Erlebnisse keine psychischen Spätfolgen zeigten.

Man nennt dieses Phänomen Resilienz. Dieser ursprünglich aus der Technik stammende Begriff bedeutet Widerstandsfähigkeit. Resiliente Menschen haben wirksame Bewältigungsstrategien, um mit extremem Stress umzugehen und außergewöhnliche Herausforderungen zu meistern. Haben diese Menschen ein dickes Fell oder sind sie schlichtweg blind für die Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind? Die Antwort lautet: Keines von beiden.

Resiliente Menschen haben Mechanismen entwickelt, um schwierige oder sogar bedrohliche Situationen konstruktiv zu verarbeiten. Sie schaffen es unter anderem, mit Angriffen auf ihren Selbstwert, mit Orientierungsverlust, mit Beziehungsstörungen oder schlicht massive Unlust hervorrufenden Erlebnissen gut umzugehen und finden immer wieder Wege, um nach kurzer Zeit der Irritation und Trauer ihren Selbstwert und die Orientierung wiederzufinden sowie Beziehungsstress und Trennungsschmerz zu überwinden.

Neben sozialem Support sind es vor allem drei wesentliche Faktoren, die uns innere Widerstandskraft verleihen, wie Antonowsky in seinem Kohärenzmodell herausgearbeitet hat:

  • Gefühl der Verstehbarkeit: Resiliente Menschen können relativ schnell Ordnung in ihre Gedanken bringen. Sie sind in der Lage, sich schwierige Situationen zu erklären und dadurch ihre Irritation zu überwinden. Sie finden recht schnell wieder Orientierung. Sie sind in der Lage, die Situation zu akzeptieren und gewinnen dadurch auch schneller ein …
  • Gefühl der Handhabbarkeit: Während viele Menschen ihren Fokus noch auf die aktuelle Krisenlage richten und damit einen Problemfokus kultivieren, suchen resiliente Menschen nach Auswegen und Lösungsstrategien. Sie sind pro-aktiv und lassen sich auch durch Misserfolge nicht entmutigen. Bei einem Schiffbruch forschen sie nicht nach Ursachen und Schuldigen, sondern bauen aus den Wrackteilen ein Floß.
  • Gefühl der Sinnhaftigkeit: „Hoffnung ist nicht der bange Wunsch, dass etwas gut ausgeht, sondern dass es Sinn macht, egal wie es ausgeht“, sagte einst Vaclav Havel. Menschen, denen es gelingt, selbst in schwierigen oder gar extremen Situationen für sich einen Lebenssinn zu finden, schöpfen daraus enorm viel Kraft. Sie fokussieren sich auf ihre Werte, ihre Ziele, ihre Zukunftsvisionen, sind innerlich mit sich selbst und anderen Menschen verbunden. Viktor Frankl hat der Suche des Menschen nach dem Sinn sein Lebenswerk gewidmet.

Wie kann uns dieses Konzept in der gegenwärtigen Situation helfen? Derzeit beobachte ich einen sehr starken Fokus auf die Gefahren und Risiken. Natürlich dürfen wir die nicht ignorieren und müssen entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen. Inzwischen weiß die Wissenschaft aber genau genug, welche Maßnahmen die Verbreitung des Virus eindämmen können und die Regierungen der meisten demokratisch regierten Länder ziehen daraus die richtigen Konsequenzen.

Derzeit sehe ich drei Aufgabenfelder:

  1. Akzeptiere, was ist! Die Pandemie ist real. Alle Versuche, sie kleinzureden, sie wegzudenken oder gar als Verschwörung umzudeuten, sind psychologisch nachvollziehbar, aber wenig nützliche Versuche, die Faktenlage zu dekonstruieren. „Akzeptiere, was ist“, beschreibt nicht nur eine buddhistische Weisheit, sondern ist eine sehr vernünftige Grundhaltung gerade in Krisensituationen. Wenn wir dem Wolf ins Auge sehen, können wir ihn in die Knie zwingen. Das heißt aber auch: Sei offen für Neues! Werde kreativ! Also:
  2. Raus aus der Lähmung, komm ins Tun! Der Fokus auf Probleme erzeugt immer Probleme. Die Pandemie hat uns gelähmt. Wir sehnen uns nach dem Gestern, dem Zustand vor der Pandemie. Ich halte das für nicht hilfreich. Die Welt hat sich verändert und jede Veränderung fordert Anpassung. Die Frage ist nicht: „Wann ist die Pandemie endlich vorbei?“ Sondern die Frage ist: „Wie erlangen wir jetzt (!) wieder Handlungsfähigkeit und wie gestalten wir unser Leben und Arbeiten unter diesen Bedingungen neu?“
  3. Besinne Dich auf das, was wirklich wichtig ist! Krisen sind immer eine Chance inne zu halten und sich neu zu sortieren. Das gilt für Individuen ebenso wie für Teams, Firmen und Organisationen. Jeder Umbruch, jedes Ende ist zugleich der Beginn von etwas Neuem. Wie wollen wir unsere gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten sinnvoll gestalten? Und da vieles nicht mehr so sein wird wie vor Corona, müssen wir uns daher auch die Frage stellen: Welchen Schlüssen ziehen wir aus der Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit. Was wollen wir anders machen?

Jeder mag für sich da gern zu eigenen Schlüssen kommen. Einige Schlussfolgerungen sind für mich ziemlich klar.

Ein „Weiter so!“ hat keine Perspektive. Vor uns stehen infolge der Klimakrise gewaltige Aufgaben und Umwälzungsprozesse. Corona hat das nur verschärft. Wir sollten das Erreichte würdigen, aber es nicht festhalten.

Auch Abwarten kann keine Option sein. Denn Warten bedeutet Stillstand – für uns als Individuen, aber auch für Unternehmen. Wirtschaftlich ist Lethargie eine Katastrophe, denn sie bringt den Wirtschaftskreislauf in weiten Teilen zum Erliegen und verschärft die Krise damit eher noch. Jetzt ist genau die richtige Zeit zum Handeln.

Wir müssen Wirtschaft und Arbeiten neu denken. Nachhaltiges Wirtschaften und Leben, Digitalisierung, Agiles Arbeiten und New Work werden verstärkt Zukunftsthemen sein. Und auch gesunde Führung muss ein Thema sein. Dabei wird sich vieles ändern. Wir werden Altbewährtes aufgeben, dafür aber neue Ideen, Produkte und Synergien schaffen. Starten wir jetzt!

Eines meiner neuen Projekte ist doc2gether, in dem ich gemeinsam mit der Initiatorin Ernestine Stadler und Hannah Schlief den Fokus auf Ärzte richte. Praxisübergabe, Teamentwicklung, gesund Führen, Mentoring und Coaching sind einige unserer Themen. Werfen Sie mal einen Blick auf die neue Webseite: www.doc2gehter.net.

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