New Work: Was von der Vision bleibt.

New WorkNew Work ist geradezu zum Buzz Word geworden. Von Remote Office bis hin zum Kicker im Großraumbüro wird so ziemlich alles mit New Work betitelt, was als innovatives Arbeiten erscheint. Aber was hatte Frithjof Bergmann eigentlich mit New Work im Sinn, als er diesen Begriff Anfang der 1980erJahre schuf? Ich habe nachgeforscht. Das Ergebnis wurde in Praxis Kommunikation veröffentlicht. Hier ein Auszug.

Lohnarbeit wird zum Auslaufmodell

Schauen wir mal 40 Jahre zurück. In den späten 1970er Jahren erlebte die amerikanische Automobilindustrie einen Umbruchphase. Japanische Autos eroberten die Welt und machten auch den Herstellern in den USA das Leben schwer. Zugleich schritt die Automatisierung in den Fabriken voran, was menschliche Hände in der Produktion zunehmend überflüssig machte. In diese Zeit fallen die Überlegungen des amerikanisch-österreichischen Philosophen Frithjof Bergmann in Wikipedia, die Arbeit zu revolutionieren. Er wollte den Teil der Lohnarbeit im Alltag der Menschen auf das Wesentliche reduzieren und durch selbstbestimmte Arbeit ergänzen.

Bergmann, der zu der Zeit bei General Motors in Flint arbeitete, schlug vor, die noch vorhandene Arbeit auf alle zu verteilen. Jeder sollte nur noch ein halbes Jahr statt eines vollen Jahres in der Fabrik arbeiten und die übrige Zeit das tun, was er oder sie „wirklich, wirklich will“. Auf dieses doppelte „wirklich“ legte Bergmann immer großen Wert. Nicht Müßiggängertum war damit gemeint, sondern eine Arbeit, die Sinn vermittelte, die einen Unterschied machte und die bedeutsam war. In einem Zentrum für Neue Arbeit wurden Menschen darin unterstützt, diese neuen Wege zu finden. Das war die Geburtsstunde von New Work.

Heute, fast 40 Jahre später, wurde New Work wiederendeckt, getrieben durch die digitale Revolution und die neuen Formen der Zusammenarbeit. Aber mit der gleichen Flüchtigkeit, mit der oft das Konzept Agilität durch viele Unternehmen getrieben wird, macht man sich nun vielerorts daran, Bergmanns Idee der Neuen Arbeit zu trivialisieren. Ein Teil dieser Bewegung hängt der veränderten digitalen Arbeitswelt schlichtweg das Label „New Work“ um. Da geht es um die Implementierung von Collaboration Tools, um Requirements Engineering und agile Managementmethoden. Kurzum, New Work wird als Oberbegriff auf die Einführung neuer Technologien am Arbeitsplatz und agiles Management reduziert.

Diese Entwicklungen fokussieren auf Technologien und Prozessen, aber nicht auf Motivationen der Menschen und auf die Inhalte der Arbeit. Daher ist das, was heutzutage unter New Work firmiert, zum großen Teil nicht einmal New Work Light, sondern New Work Zero. Bergmann selbst hat das vor einigen Jahren in einem Interview im Tagesanzeiger deutlich kritisiert. Es würde zu viel über Führungstechniken und Organisationsfragen diskutiert und darüber „wie Unternehmen ihre Angestellten noch raffinierter domestizieren und ausbeuten können.“ (Tagesanzeiger 2017). Es habe ihn auch nie interessiert, wie flexibel und kreativ man die Arbeit in Zukunft organisieren würde, äußerte er im gleichen Interview. Sein Fokus lag immer auf dem sinnorientierten und selbstbestimmt arbeitenden Menschen.

Träumerei oder Vision?

Aber vielleicht ist Bergmanns, in den 1980ern entwickelte Idee der Neuen Arbeit gar nicht mehr zeitgemäß? `Passt Bergmanns, in der Industriegesellschaft entstandene Vorstellung von New Work gar nicht in das digitale Zeitalter?

Der Vater von New Work würde an dieser Stelle wohl heftig widersprechen. Denn durch die Digitalisierung hat sich die Automatisierung der Arbeitswelt ja noch verstärkt und eine neue Dimension erreicht. Die Entwicklung des Internets, Industrie 4.0 und künstliche Intelligenz bewirken deutliche Effizienzgewinne nicht nur in der Güterproduktion, sondern auch und vor allem im Bereich der Dienstleistungen. Insbesondere das Tempo dieser Transformation wird aller Voraussicht nach die Arbeitsgesellschaft vor riesige Herausforderungen stellen. Richard David Precht hat in seinem Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“ die Utopie einer digitalen Gesellschaft gezeichnet, in der er davon ausgeht, dass zukünftig die klassische Erwerbsarbeit sehr viele Menschen nicht mehr ernähren kann. Seine Lösung ist das bedingungslose Grundeinkommen.

Letzteres sieht Frithjof Bergmann kritisch. Aber für Precht wie für Bergmann ist klar, dass die digitale Revolution die klassische Lohnarbeit zum Auslaufmodell macht. Was sich schon in Teilbereichen der industriellen Automatisierung andeutete, erlebt zurzeit eine unglaubliche Beschleunigung, mit der viele Menschen kaum noch Schritt halten können. Und darum ist New Work so aktuell wie nie zuvor. Bergmann erkennt in der Digitalisierung allerdings auch eine Chance. Die Möglichkeit, Produkte jenseits der Massenfertigung mit Hilfe der Digitaltechnik, z.B. durch 3-D-Drucker zu fertigen, öffnen der Neuen Arbeit völlig neue Perspektiven.

Den vollständigen Artikel in Praxis Kommunikation lesen.

 

Lesetipp:

Bergmann, Frithjof: Neue Arbeit, neue Kultur. Unter Mitarbeit von Stephan Schuhmacher. 6. Auflage, 1. broschierte Ausgabe.

 

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