Körper und Kommunikation: Mehrabian reloaded

Wie beeinflussen Körpersprache und Stimme die Kommunikation? Der amerikanische Sozialwissenschaftler Albert Mehrabian hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt. Die populäre Perzeption seiner Forschung allerdings hat zu einem Missverständnis geführt. Demnach ist unsere Kommunikation zu über 90% von Körpersprache und Stimme geprägt. Doch das hat Mehrabian nie behauptet.

Immer wieder wird von Kommunikationstrainern die 55-38-7-Regel als wissenschaftlicher Beleg dafür gesehen, dass non-verbale Kommunikation bedeutender als verbale Kommunikation sei. Demnach prägt unsere Körpersprache zu 55% und unsere Stimme zu 38% die Bedeutung unserer Kommunikation Nur lächerliche 7% bleiben demnach für das gesprochene Wort, die verbale Sprache übrig. Ist es also ziemlich egal, was wir sagen? Und ist es vielmehr wichtig, wie wir es sagen? Albert Mehrabian insistiert, dass er das so niemals gesagt habe. Dieses Missverständnis ist ein Beispiel für eine zu flotte Utilisierung der Wissenschaft. Da hat offenbar jemand das Kleingedruckte nicht gelesen. Denn Mehrabian hat nicht untersucht, welchen Anteil Körpersprache, Stimme und gesprochenes Wort generell auf die Kommunikation haben, sondern inwieweit emotionale Kommunikation von diesen drei Kommunikationsformen geprägt ist. Um es mal ganz anschaulich zu formulieren: Ein gelangweilt dahergesagtes „ja, klar liebe ich dich“ kommt beim Partner nicht gerade authentisch an. Und gerade im Konflikt, wenn unsere Stimme zittert und unser Gesichtsausdruck von Zornesröte geprägt ist, kommt es nicht mehr so sehr auf das an, was wir sagen, sondern wie wir es sagen. Also: die 55-38-7-Regel ist so nicht haltbar. Sie gilt nur, wenn es um Gefühle und um innere Haltungen geht. Das zeigt dieses Video sehr schön (Dank an meinen geschätzten Kollegen Peter Dilg für den Link):

Sollten wir die Regeln also vergessen? Keineswegs, denn Mehrabians Forschung zeigt uns auch den Weg, wie wir unserer Kommunikation mehr Ausdruck verleihen können. Wer nämlich Körpersprache und Stimme ganz bewusst ersetzt, erreicht Menschen eben nicht nur rational, sondern auch emotional. Und Emotionen sind wichtig, weiß die moderne Hirnforschung schion seit Jahren. Sie prägen unser Handeln und unsere Entscheidungen viel mehr unser rationales Denken das tut. Wollen wir jemanden überzeugen, dann nützen die besten Argumenten nichts, wenn sie mit zögernder Stimme und unsicherer Körpersprache vorgetragen werden. Man spricht dann von inkongruenter Kommunikation. Stimme, Körpersprache und Worte passen nicht zueinander. Und das merkt jeder aufmerksame Zuhörer. Ebenso wie wir ein aufgesetztes Lächeln als das wahrnehmen können, was es ist: Ein falsches Lächeln.

Kongruenz der Kommunikation ist eine wichtige Voraussetzung für die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Kommunizierenden. Auch und gerade deshalb gelingt  virtuelle Kommunikation per Email und soziale Netzwerke oft nur unzureichend. Zwischen den Zeilen lesen wir Untertöne, interpretieren und werten wir.

Potentiell emotionale Themen verdienen daher eine direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch. Paul Watzlawick sagte einmal: „Solange ich Deine Reaktion nicht wahrnehme, weiß ich nicht, was ich gesagt habe.“

Und eben dieses Hören ist mehr als das Wahrnehmen digitaler Information. Die erlangt für unser Gehirn nur dann Bedeutung, wenn sie in irgendeiner Form unser limbisches System anregt. Das ist die Schnittstelle zwischen unserer Ratio und unseren impliziten Erfahrungen. Ohne letztere können wir gar nicht bewerten, welche Bedeutung Information für uns hat. Erregt Information nichts in der Gefühlszentrale unseres Gehirns, wird sie automatisch als bedeutungslos gewertet. Erzeugt sie Irritation oder sogar Angst, neigen wir zu Abwehrstrategien Die Aussage „Ach was, Ihr Vorschlag klingt gar nicht überzeugend“ kann in der Sprache unseres Gehirn bedeuten „Sie wirken auf mich unsicher, ich glaube Ihnen daher nicht.“ Werden hingegen angenehme Gefühle ausgelöst, dann neigen wir zu Annäherungsstrategien „Hm, das klingt vielversprechend“ kann bedeuten „Sie machen auf mich einen sympathischen und authentischen Eindruck. Ich vertraue Ihnen.“. Wir finden über Emotionen eher Zugang zu anderen Menschen – oder eben nicht. Es nutzt daher  nix, 100% auf Inhalt zu setzen. Ein gesunder Mix aus Wort, Stimme und Körpersprache macht die Kommunikation aus. Körpersprache und Stimme sind die Transportmittel unserer Worte. Nutzen Sie diese entsprechend!

 

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