Von der Sinnlosigkeit des Glücks

Das Streben nach Glück gilt in unserer Kultur weithin als Ziel menschlichen Daseins, ja als universaler Sinn menschlicher Existenz. In den Vereinigten Staaten von Amerika hat es sogar Verfassungsrang. Doch immer wieder hadern Menschen mit ihrem Glück und scheitern am Versuch, es zu erreichen. Das ist vielleicht gar nicht so verwunderlich, denn das Streben nach Glück an sich ist sinnlos.

Ich mag lange Autofahrten nicht. Aber sie lassen sich bei mir aus beruflichen Gründen nicht immer vermeiden. Und so habe ich mir angewöhnt, Hörbücher oder Vorträge anzuhören, während ich durch die Landschaft rausche. So auch letzte Woche auf dem Weg in die Ammergauer Alpen zu einem Kommunikationstraining. Diesmal war es eine Vorlesung von Viktor Frankl über Existenzanalyse und Logotherapie. Was ich da zu hören bekam, hat mir zu denken gegeben.

Frankl bezweifelt nämlich, dass Glück zum universellen Lebensziel taugt. Und seine Begründung ist sehr einfach: Glück ist nichts, das sich einstellt, wenn man es nur fest genug anstrebt. Glück ist das Resultat eines sinnerfüllten Lebens. Menschen, denen es gelingt, ihrem Leben Sinn abzugewinnen, sind zum Glück fähig. Glück stellt sich ein, wenn Menschen sich einer Sache hingeben und wenn sie das mit Engagement verfolgen, was sie motiviert, was ihnen sinnvoll erscheint. Das kann das Aufgehen in einer ausfüllenden und befriedigenden Beschäftigung sein, das kann die zwanglose Hingabe zu einem Menschen sein.

Mich hat das spontan an einige Coachingfälle erinnert, in denen meine Klienten Erfolg, Karriere und Wohlstand anstrebten, aber auf meine Frage, was für sie denn nun im Leben wirklich wichtig sei, sehr nachdenklich wurden. Glück, Erfolg, Karriere und Wohlstand sind keine Primärziele, sondern abhängige Variablen. Ihre Erreichung ist entscheidend dadurch bestimmt, welche Werte wir zur Grundlage unserer Haltungen und unseres Verhaltens machen und wie wir diese Werte leben. Sinn wird damit zu einer starken motivationalen Komponente unserer Existenz.

Viktor Frankls Vortrag stammt aus dem Jahr 1972. Vierzig Jahre später ist er immer noch aktuell und lässt sich sogar inzwischen neurobiologisch untermauern. Die Hirnforschung zeigt uns nämlich, dass sich das Gefühl von Glück immer dann einstellt, wenn wir Herausforderungen erfolgreich bewältigen, unsere Potentiale mit Leidenschaft entwickeln, wenn wir mit anderen Menschen empathisch kooperieren. Glück lässt sich damit nicht über Abkürzungen erreichen. Jeder Versuch, dies dennoch zu tun, endet bei neuronalem Fastfood, also schnellen Glücksbringern wie Shoppen, Fernsehen oder gar Drogen – oder bei neurotischen Mustern wie Narzissmus, Machtstreben, Gier und Eifersucht, um nur einige zu nennen. Wahres Glück hingegen ist das Resultat mitunter harter, sinnvoller Arbeit, aber ein Aufwand der sich lohnt. Glück ist der Lohn für unser Bestreben, über uns hinauszuwachsen und dennoch mit anderen verbunden zu sein. Erst so macht das Streben nach Glück Sinn.

Viktor Frankl (1972): Einführung in die Existenzanalyse und Logotherapie. Vorlesung an der Universität Wien. Auditorium Netzwerk, Audio-CD.

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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5 Antworten auf Von der Sinnlosigkeit des Glücks

  1. Nathanael sagt:

    Super Artikel. Zusammengefasst: Jeder will zwar glücklich sein, doch Glück als Ziel taugt nichts. 😉

  2. Herr Schwarz sagt:

    Sehr weise Worte, Danke dafür!!
    Eigentlich wissen wir das doch alle, aber im täglichem Blätterrauschen unseres Lebens vergessen wir es schnell. Viel zu schnell, von daher ist es wichtig und gut daran immer wieder erinnert zu werden!

  3. Streben nach Glück ? – Mit dieser Aussage kann ich absolut nichts anfangen. Glücklich sein ist ein Gefühl – und nach einem Gefühl streben ? Na ich weiss nicht. Wenn ich in einer Situation mich glücklich fühle, weil im Moment alles für mich stimmt, dann fühle ich mich glücklich und leicht. Dies beflügelt mich zu neuen Tagen. Glück ist wie ein Schmetterling …..!! Glück erarbeiten ?? – Glücklich sein, ist wie ein kostbares Geschenk zu Geburtstag/Ostern und Weihnachten….

    • Ich sehe das ganz ähnlich, Frau Decurtins. Glück ist, ebenso wie Motivation und Kreativität, eine Dimension, die ich nur indirekt steuern kann. Allerdings sollten wir hier nicht die Macht der inneren Bilder vergessen, die uns ebenfalls Momente des Glücks verschaffen. Ohne die könnten wir keine Visionen entwickeln oder Ziele definieren, die zugkräftig genug sind, um uns auf den Weg nach Veränderung machen.

  4. Der Artikel gefällt mir sehr gut und passt wunderbar zu meinen bisherigen Erfahrungen. Mein eigenes persönliches Wachsen fühlt sich so gut an, dass ich es als Glückgefühl empfinde, besonders weil ich dadurch auch andere bereichern und weiterbringen kann. Ebenso empfinde ich die Verbindungen mit anderen zunehmend interessanter und vielseitiger.
    Das konnte ich aber erst richtig wahrnehmen, seit ich ehrlich und offen wurde, um mich selbst zu entdecken und meinen inneren Kompass zu finden.