Was ist eigentlich systemisches Coaching?

„Ich weiß schon: systemisch heißt, dass alles doch irgendwie zusammenhängt“, begann mal ein Kritiker eine Diskussion mit mir über systemische Ansätze der Beratung. Und weiter: „Was soll ich denn mit dieser Einsicht sinnvolles anfangen, außer der Erkenntnis, dass nicht alles allein in meiner Macht liegt?“ Da diese Banalisierung systemischen Denkens weit verbreitet ist, will ich gern an dieser Stelle einige Zeilen zur Klärung hinzufügen.

Die systemische Sichtweise ist eine Provokation in einer Gesellschaft, die immer alles unter Kontrolle haben will. Transportiert sie doch die Forderung in Unternehmen und Organisationen, sich von kausalistischem Denken, also der Vorstellung reiner Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu verabschieden. Nicht einfach in einer Welt, in der alles auf Knopfdruck funktionieren soll. Die systemische Perspektive interessiert sich nicht so sehr für Dimensionen wie Problem, Ursache oder sogar Schuld, sondern viel mehr für die Wechselwirkungen zwischen den Elementen sozialer Systeme, sei das nun in einer Familie, einer  Firma oder einer Organisation.

Da wir Menschen autonome und selbstorganisierte Wesen sind, kann Beratung zwar wichtige Impulse setzen, aber niemals intervenieren im Sinne von „das Problem coachen wir jetzt mal weg“. Interventionen sind im systemischen Kontext allenfalls Angebote oder Einladungen. Was ein Klient daraus macht, entscheidet er autonom. Der Coach unterstützt den Prozess auf professionelle Weise durch gezielte Fragen, Feedback, Übungen.

Prinzipien im systemischen Coaching

Systemisches Coaching folgt dabei folgenden Prinzipien:

  • Ein System ist mehr als die Summe seiner Teile.
    Soziale Systeme entwickeln eigene Kulturen. Verhalten in Systemen lässt sich daher nur systemisch erklären.
  • Ein Problem ist ein Symptom.
    Betrachten wir aber nur das Problem an sich, versuchen wir oft genug, das Feuer zu „bekämpfen“ aber nicht die Brandquelle zu löschen.
  • Lösungsfokussierung.
    Die Betrachtung des Problems ist oft schon das Problem. Im Coaching lautet die Frage daher nicht: „Was genau ist die Ursache für das Problem?“ Sondern die Frage lautet: „Was genau muss geschehen, damit das Problem nicht mehr auftritt?“
  • Fokus auf Wahrnehmungen, nicht auf Wahrheiten.
    Es geht (mit Ausnahme eindeutig überprüfbarer Fakten) nicht darum, was vermeintlich wahr ist, sondern um die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Menschen.
  • Wahlmöglichkeiten erhöhen.
    Menschen nehmen in Problemsituationen die Auswege nicht wahr und laufen immer wieder gegen die Wand – oft nur zehn Zentimeter neben der offenen Tür. Ein Wechsel der Perspektive hilft hier weiter. Lösungen lauern überall!
  • Segeln statt rudern.
    Dynamiken des Systems nutzen, nicht gegen sie arbeiten. Im Coaching werden Wege erarbeitet, wie Menschen sich selbst ändern können, um innerhalb des bestehenden Systems zum Ziel zu kommen.
  • Dynamisch handeln.
    Die Navigation in lernenden Systemen, so auch Coaching, ist ein dynamischer Prozess, der große Aufmerksamkeit und fortwährende Überprüfung von Wegen und Zielen erfordert.

Ziel von systemischen Coaching kann es nicht sein, zu „richtigen“ Lösungen zu gelangen. Ob eine gefundene Lösung „richtig“ ist, lässt sich vorab nicht berechnen. Vielmehr zielt systemisches Coaching darauf ab, für den Coachee nützliche Lösungen zu erarbeiten. Nützlich kann grundsätzlich alles sein, was den Handlungsspielraum real erhöht und zu tragfähigeren Denk- und Handlungsmustern in Bezug auf das Coachingziel führt. Tragfähig können nur solche Lösungen sein, die an den vorhandenen Potentialen des Coachee ansetzen und diese erweitern.

Der vollständige Beitrag im BusinessVillage Online-Magazin.

Literatur:

Isert, Bernd; Rentel, Klaus (2000): Wurzeln der Zukunft. Lebensweg-Arbeit, Aufstellungen und systemische Veränderung. Paderborn: Junfermann.

Radatz, Sonja (2009): Beratung ohne Ratschlag. Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen ; ein Praxishandbuch mit den Grundlagen systemisch-konstruktivistischen Denkens, Fragetechniken und Coachingkonzepten. 6., unveränd. Aufl. Wien: Verl. Systemisches Management.

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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2 Antworten auf Was ist eigentlich systemisches Coaching?

  1. Vielen Dank für diese wunderbare Zusammenfassung.
    Besonders diesen Aspekt:
    „■Fokus auf Wahrnehmungen, nicht auf Wahrheiten.
    Es geht (mit Ausnahme eindeutig überprüfbarer Fakten) nicht darum, was vermeintlich wahr ist, sondern um die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Menschen.“
    Ihres Beitrags möchte ich hervorheben. Wenn man um scheinbare Wahrheiten „kämpft“, dabei aber außer Acht lässt, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit unter Berücksichtigung seiner Wahrnehmung und Wertvorstellungen erschafft, wird man zwangsläufig immer aneinander vorbeireden müssen.
    Die Einsicht, dass es sinnvoller ist, zunächst die eigenen Gefühle zu verbalisieren, ist schon der erste Schritt zu einer sinnvollen Lösung.
    Freundliche Grüße
    Matthias Krause

    • Danke für Ihren Kommentar. Ja, selbst einfache Kommunikation, da selten eindeutig, scheitert oft genau an diesem Problem. Wir meinen etwas verstanden zu haben. Das kann sich aber von dem unterscheiden, was der Andere gemeint hat. Nachfragen lohnt sich.