Gerhard Roth, Alica Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn

Die gute Nachricht lautet: Coaching wirkt. Die schlechte heißt: Es wirkt nicht immer. Der Neurowissenschaftler Gerhard Roth und seine Assistentin Alica Ryba haben ein fundamentales Buch über die Wirksamkeit von Coaching geschrieben.

Vor etwas über einem Jahr habe ich mich hier mit der Frage befasst, warum Coaching wirkt. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl Studien, die sich speziell mit dem Coaching befassen. Gern bedienen sich daher Wissenschaftler aus dem reichen Fundus der Psychotherapieforschung. Gerhard Roth und seine Mitautorin Alica Ryba haben sich dieses Themas in einem dicken Buch angenommen und widmen sich dem Coaching aus neurowissenschaftlicher Sicht auf 382 Seiten.

Grundsätzlich würde die Wirksamkeit von Therapie überschätzt, so die Autoren. Zudem seien 30 bis 70 Prozent der Wirksamkeit von Psychotherapie durch unspezifische Faktoren bestimmt, seien also völlig unabhängig von speziellen therapeutischen Interventionen. Zu diesen Interventionsunabhängigen Faktoren gehören vor allem der Glaube des Patienten an die Kunst des Therapeuten, der Glaube des Therapeuten an seine Fähigkeiten und der Glaube beider an die Wirksamkeit der angewandten Methode. Die Autoren nennen das die „therapeutischen Allianz“.

Aber welche therapeutischen Methoden sind darüber hinaus geeignet, als wirksam und damit utilisierbar für das Coaching betrachtet zu werden?

Roth und Ryba betonen zwar, dass es keine allgemein wirksame Methode gibt, aber die in Deutschland von den Krankenkassen anerkannten Verfahren der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie kommen nicht besonders gut weg. An der Psychoanalyse kritisiert Roth die Illusion der Aktivierbarkeit frühkindlicher, unbewusster Erfahrungen. Nach neurobiologischen Erkenntnissen ist das nicht möglich.

Allenfalls können vorbewusste Inhalte ins aktive Gedächtnis geholt werden. Genau in diesem Bereich sieht Roth auch einen wichtigen Hebel für die  Veränderungsarbeit in Therapie und Coaching.

Insbesondere hypnotherapeutische Methoden finden hier guten Zugang. Wenig hilfreich sieht Roth die zu intensive Beschäftigung mit traumatischen Erlebnissen in der Psychoanalyse.

Der Verhaltenstherapie und der kognitiven Verhaltenstherapie lastet er den zu starken Fokus auf Verhalten und kognitive Prozesse an. Bei tiefer liegenden Störungen würde damit nur auf der Ebene der Symptome, aber nicht an den Ursachen gearbeitet. Außerdem berücksichtigten VT und KVT die Bedeutung von Emotionen zu wenig. Deren Aktivierung sei aber nachweislich wichtig für den therapeutischen Erfolg. Und schließlich unterbewerten beide Verfahren die aus seiner Sicht wichtige Rolle der therapeutischen Allianz.

Was lässt sich nun aus der Therapieforschung und den Erkenntnissen der Neurobiologen für das Coaching sagen? Was macht Coaching wirksam? Roth und Ryba beziehen sich hier vor allem auf die umfassenden Forschungen von Klaus Grawe.

Für ein gelingendes Coaching sind wichtig:

  • Die Beziehung zwischen Coach und Klient, die schon genannte therapeutische Allianz. Sie ist Grundlage für die Wirksamkeit von Interventionen.
  • Die Aktivierung von Ressourcen beim Coachee. Dazu gehören Motive, Fähigkeiten und Interessen des Klienten.
  • Die Problemaktualisierung, d.h. die Arbeit an konkreten Problemkonstellationen. Diese müssen unmittelbar erfahrbar gemacht werden. Wirksam sind dabei Techniken wie intensives Erzählen, Imaginationsübungen und Rollenspiele.
  • Die motivationale Klärung. Der Coach hilft dem Klienten, die Ursachen, Hintergründe und aufrechterhaltende Faktoren seines Erlebens und Verhaltens zu verstehen. Nicht aber im Sinne von „Aufklärung“ über störende Muster, sondern im Sinne der Suche nach einem Veränderungsweg.
  • Die Problembewältigung: Der Schwerpunkt liegt hier weniger in konkretem Rat, sondern in der Ermöglichung positiver Bewältigungserfahrungen. Dies geschieht parallel über das Erklären und über das Ersetzen belastender Erfahrungen durch positive Erfahrungen.

Für Coaches und Therapeuten ein lesenswertes Buch.

Roth, Gerhard (2016): Coaching, Beratung und Gehirn. Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Zweite Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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