Coaching: Gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie keine 5.000 Euro ein!

Quo vadisInteressante Honorarstudie in TrainingAktuell: Der Coachingmarkt konsolidiert sich. Vor allem klärt sich ein Märchen vieler angeblicher Vollzeitcoaches auf, die behaupten, ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Coaching zu verdienen. Die gibt es nicht. Faktisch arbeiten nur 1% der Befragten 1.500  Coaches ausschließlich als Coach.

Die Honorare können sich allerdings sehen lassen. Im Schnitt wird EUR 168 pro Stunde verdient. Im Top-Management sogar EUR 232. Das klingt nicht schlecht. Allerdings, Coaching ist kein Monopoly. Jeder zweite Coach leistet gerade mal eine Coachingstunde pro Woche. Coaching ist somit ein Zusatzgeschäft, mehr nicht. Übrigens ein Effekt, der sich schon seit Jahren abzeichnet: Weil sich mit Coaching allein nicht genügend Geld verdienen lässt, kamen viele Anbieter auf eine glorreiche Idee: Coaches ausbilden! Super Geschäftsmodell, aber auch super kurz gedacht. Damit lässt sich zwar Einkommen generieren, es sorgt allerdings für eine Überschwemmung des Marktes mit Coaches, die keiner braucht. Unter den Anwärtern findet sich so ziemlich alles vom gutgemeinten „Ich wollte immer schon mal was mit Menschen machen …“ bis zum hypermanischen „ich bin ein Guru …“. Da mischt sich oft Naivität mit einem eher zweifelhaften Sendungsbewusstsein.

Abspulen von Interventionstechniken reicht nicht

Mein Tipp: Wer als Coach erfolgreich sein will, sollte reichlich berufliche Erfahrung, möglichst in einer Führungsposition mitbringen und bereits über ein Netzwerk im Bereich Weiterbildung/Personalentwicklung verfügen. Wer das nicht hat, der sollte es besser sein lassen. Und man sollte natürlich eine solide und anerkannte Coachingausbildung vorweisen können. Ein zweiwöchiger Kurs reicht da bei Weitem nicht aus. Coaching ist mehr als das Abspulen von Interventionstechniken.

Zum guten Coaching gehört auch eine professionelle Beratungs-Haltung. Das hat wenig mit gesundem Menschenverstand zu tun, dafür aber mehr mit erlernter und erarbeiteter Kompetenz. Dazu gehören neben theoretischen Kenntnissen vor allem supervidierte Ausbildungs-Coachings. Ein Coach braucht darüber hinaus nicht nur Empathie, sondern auch professionelle Distanz, genügend Selbstreflexion, Konfliktfähigkeit und Prozesskompetenz. Ein Coachingprozess bedarf der Gestaltung und der Führung. Wer nur mal gern Menschen empathisch unter die Arme greifen will, hat noch nicht verstanden, dass professionelles Coaching weit mehr als das ist.

Können Sie Akquise?

Außerdem müssen Coaches auch verkaufen können. Kollegen, die meinen, mit einer schicken Website und ein paar netten Social-Media-Profile genügend Kunden anlocken zu können, erleben eine brachiale Bauchlandung. Online allein lässt sich Coaching nicht verkaufen. Um den direkten Kontakt zu potentiellen Kunden geht kein Weg vorbei. Wer sich nicht gern verkaufen mag, und wem schon beim Gedanken an Kaltakquise schlecht wird, dem ist mit einem ein Job in einer Personalberatung oder bei einem Weiterbildungsanbieter im Angestelltenverhältnis besser geholfen.

Jeder Coach ist auch Unternehmer. Klaro. Diesen Gedanken finden einige Neu-Coaches aber offenbar vor allem deshalb toll, um sich dann im XING-Profil mit „CEO“ oder „Geschäftsführer“ schmücken zu können. Das ist nicht nur lächerlich sondern auch rechtswidrig. Solange jemand als Freelancer unterwegs ist und keine Kapitalgesellschaft führt, ist er weder CEO noch Geschäftsführer sondern eben Freiberufler oder allenfalls Inhaber. Diese Pseudo-Titel garantieren allerdings auch, bei Personalentwicklern gleich aussortiert zu werden. Das bereinigt den Markt ungemein.

Nein, Unternehmertum heißt nicht, sich mit tollen Titeln zu schmücken, sondern etwas zu unternehmen. Und das bedeutet gerade in der Anfangsphase auch Kaltakquise und danach immer wieder am Ball bleiben. Es beinhaltet auch das Risiko und erfordert die Bereitschaft, gelegentlich harte Zeiten zu überbrücken. Wer das scheut, sollte im Angestelltenverhältnis bleiben. Zugegeben, als mich für diesen Job entscheiden habe, war mir vieles von dem nicht bewusst. Allerdings war der Markt damals noch überschaubar. Seitdem sind die Zeiten für Coaches aber eher härter geworden und die Konkurrenz größer. Der Boom ist vorbei!

Eine kleine Anekdote zum Schluss: In „Stromberg – der Film“ gibt es eine nette Szene, in der Stromberg seinen Chef auf seine hemdsärmelige Art um eine Beförderung angeht. Sein Chef fragt ihn: „Was qualifiziert Sie für die Aufgabe?“ Stromberg antwortet „Äh, ich kann gut mit Menschen“. Darauf sein Chef: „Was genau können Sie gut mit Menschen?“ Stromberg weiß darauf keine Antwort.

Zur Honorarstudie geht es hier: Coachinghonorare hart am Limit.

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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4 Responses to Coaching: Gehen Sie nicht über Los und ziehen Sie keine 5.000 Euro ein!

  1. Hallo Herr Sander,
    Ihr Beitrag gefällt mir wirklich gut. Knackig und ohne Umschweife macht er klar, dass nicht jeder Coach sein kann.
    Mir graust es immer, wenn ich Angebote für Coaching-Ausbildungen an zwei Wochenenden o.ä. sehe. Leider ist es auf dem Trainer-Markt auch nicht viel rosiger.

    Viele Grüße aus Leipzig
    Aline Kniestedt

  2. Gaby Feile sagt:

    Hallo Herr Sander,

    vielen Dank für diesen klaren Text. Endlich wird mein jahrelanges Gefühl durch ZDF (Zahlen, Daten, Fakten) bestätigt. Ich bin kein Coach, wollte nie einer sein und habe mich nie so gennant. Dennoch coache ich hin und wieder, ob beruflich oder privat. Das ist halt Teil der Aufgaben, die ich so habe.

    Die Schwemme an Coaches ist bestimmt bedingt durch die vielen Ausbildungen. Das gibt es in anderen Bereichen übrigens auch: Inhaber von Yoga-Studios bilden Yogalehrer aus. Und die neueste Welle: Leute, die ihre Online-Produkte verkaufen wollen, zeigen anderen wie sie ihre Online-Produkte verkaufen können und machen damit Geld.

    Ich muss mich mittlerweile so zusammenreißen bei einem Satz, den ich so oft höre: „Ich möchte gerne anderen helfen und werde Coach.“ Das setzt ja immer voraus, dass es Leute gibt, die Hilfe brauchen. Und irgendwie finde ich das nicht passend. Oft will man das weitergeben, was man selbst durch das ganz normale Leben gelernt hat. Da spricht nichts dagegen, aber darauf ein Unternehmen aufbauen?

    Früher hieß es, wer nichts wird, wird Wirt. Wie heißt es wohl heute?

    Viele Grüße von Ihrer Kommplizin Gaby Feile

    • Constantin Sander sagt:

      Hallo Frau Feile,
      ich denke, es gibt schon einen starken Bedarf für Coaching. Allerdings übersteigt das Angebot die Nachfrage. Vor ein paar Jahren firmierten ca. 35.000 Menschen als Coach, Tendenz steigend. Wen wollen die alle coachen? Wobei ein Großteil sich nach meinem Eindruck dieses Etikett nur anhängt, weil es vermeintlich schicker klingt als Trainer oder Dozent. Und viele haben nicht einmal belastbare Kompetenzen. Aber es gibt eben auch ganz exzellente Kollegen. Die einen von den anderen zu trennen fällt dem Laien oft schwer. Personaler habe da schon den kritischeren Blick.
      Wenn ich mit die aktuelle Statistik ansehe, dann liege ich derzeit weit über dem Mittelwert an Coachingstunden, die ein Coach in Deutschland leistet. Dennoch überwiegt bei mir die Arbeit mit Gruppen in Workshops und Seminaren.
      Herzliche Grüße
      Constantin Sander

  3. Hallo Herr Sander,

    Ihren Ausführungen stimme ich in allen Punkten zu. Ich bin begeisterte, coachende Rentnerin. Ich habe mein gesamtes Berufleben Menschen auf Ihrem Berufsweg begleitet – in der Ausbildung, Personalentwicklung einschl. Fortbildung, Weiterbildung, im Gesundheitsmanagement und in der Unternehmensberatung einschließlich Coaching. 2013 habe ich noch mehrere zertifizierte Coachingausbildungen u.a. wingwave – Kurzzeitcoaching gemacht. Bei der Coachingausbildung war auch das Marketing ein wichtiger Inhalt. Die Aussage „Ihr braucht ca. zwei Jahre, um Euch selbständig zu machen, stimmt in meinem Fall, obwohl ich gute Netzwerke hatte.
    Mir fällt in der letzten Zeit auf, dass viele Menschen, die eine Coachingausbildung gemacht haben, anschließend gleich Fortbildungen anbieten – ich glaube, um finanziell klar zu kommen.
    Ich bin sehr froh, dass ich auch in meinem Ruhestand Menschen mit Coaching, Gesundheitsmanagement und anderen Workshops begleiten kann. Durch meine Rente und eine glückliche Ehe -seit über 40 Jahren -bin ich finanziell und sozial abgesichert. Dadurch bin ich freier, entspannter in meinem Vorgehen und kann es mir erlauben, Aufträge in wenigen Stunden zu erledigen und Aufträge nicht anzunehmen, wenn ich das nicht möchte.
    Von der Aussage, „ich möchte, dass Sie mich coachen oder meine Mitarbeiter coachen“, bis zur Verwirklichung liegen oft Wochen, manchmal sogar Monate. Ohne meine finanzielle Absicherung könnte ich das schlecht ertragen. Für mich spielt das keine Rolle. Wenn in einem Monat weniger Coaching geplant ist, habe ich mehr Zeit für Sport, Wellness und die anderen Dinge, die mir auch Spass machen. Meine Coaching-Kunden kommen größtenteils durch Mundpropaganda.
    Heute würde ich jedem abraten, seinen Job aufzugeben, um selbständiger Coach zu werden. Viel günstiger ist es, die Coachingtätigkeit nebenberuflich aufzubauen und dann später ggfs. den festen Job aufzugeben.
    Ich hoffe, dass es den Berufsverbänden gelingt, den Beruf des Coaches zu schützen, um zu verhindern, dass sich jeder Coach nennen darf. Durch die Überschwemmung des Marktes mit Coaches – teilweise nicht sehr qualifiziert – leidet m. E. das Berufsbild.
    Heute wurde in Groupon ein Internet-Kurs zum „Coach“ für 99,00 Euro angeboten.
    Vor einigen Wochen bot Groupon einen sehr günstigen Kurs zum Hypnose-Coach an. Nichts gegen Groupon, aber was sind das für Anbieter?
    Ihnen wünsche ich viel Spass beim Coachen.
    Viele Grüße
    Bärbel Sturm