Mut zur Angst

PeaceDie Anschläge in Paris haben den Terror in einer Form nach Europa gebracht, die Angst macht. Diesmal traf der Terror Restaurants und Cafés in einer belebten Stadt. Es könnte jeden treffen. Überall. Diese Anschläge haben nicht nur Frankreich, sondern Europa in Herz getroffen, weil sie unsere Freiheit und unsere Lebenslust grundsätzlich in Frage stellen. Wir sollten diese Frage deutlich beantworten.  Einige persönliche Gedanken dazu von mir.

Ein Terrorist ist ein Terrorist, ist ein Terrorist. Er ist der Jünger des Jenseits, für den hier im Diesseits kein Platz ist. Das sollte klar sein. Wir können nun „Krieg“ rufen, wir können Mitschuldige brandmarken, wir können nach Erklärungen suchen. Das können wir.

Ja, wir haben vielleicht zu oft weggesehen, wenn sich extremistische Subkulturen in unseren Metropolen entwickelt haben. Und ja, es gibt vorgebliche Heilsbringer, die der Intoleranz und der Gewalt das Wort reden. Wir haben sie gewähren lassen, denn wir sind ja tolerant. Auf der anderen Seite: Ja, es war wohl auch die sogenannte Allianz gegen den Terror, welche die Ordnung im mittleren Osten im Gefolge des zweiten Irakkriegs ins Wanken gebracht hat. Ja, es gab Guantanamo und die Foltercamps der CIA, die das Image des Westens als Hüterin der Menschenrechte gründlich ramponiert und dem IS den Boden bereitet haben. Das alles ist wohl wahr. Aber ich frage mich, welche Lehren wir aus all dem ziehen.

Es wird über Ausnahmezustand gesprochen. Und über Krieg. Beginnt jetzt wieder diese Spirale aus Gewalt und Gegengewalt? Gibt es jetzt Eskalation statt Deeskalation? Nähren wir jetzt das Ressentiment gegen alles, was muslimisch ist? Machen wir jetzt wieder den gleichen Fehler wie schon nach den Anschlägen des 11. September? Gehen wir dem Terror auf den Leim?

Freie Gesellschaften sind verletzlich, weil sie grundsätzlich offen sind. Offen für Unterschiede und offen für Austausch. Nur wer offen ist, kann sich entwickeln. Geschlossene Gesellschaften sind der Inbegriff von Stillstand und gar Verfall. Das meint die Grenzen im Inneren wie im Äußeren. Es waren die Studenten des Vormärz, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland gegen die Grenzen der Kleinstaaten gekämpft haben. Sie haben mit den Farben Schwarz (für Pulver), Rot (für Blut) und Gold (für das Feuer) für ein Land ohne Grenzen gekämpft. Interessanterweise sind das die Farben, die nun auch jene hochhalten, die wieder die Grenzen schließen wollen. Es waren die Studenten der 68er-Bewegung, die gegen die Grenzen im Inneren gekämpft haben. Für mehr Demokratie, für mehr Freiheit.

Freiheit lebt vom der Vielfalt, vom Diskurs und von Toleranz. Letztere kann allerdings nicht Gleichgültigkeit bedeuten. Eine Ansammlung von Ignoranten macht keine freie Gesellschaft aus. Widerspruch und Streit gehören dazu. Freiheit ist nicht nur meine Freiheit, sondern auch die Freiheit des Anderen. Freiheit ist die Stärke, sich das anzuhören, was man nicht hören will, hat mal ein kluger Kopf gesagt. Freiheit ist auch die Gewissheit, dass ich Irren kann. Das bedeutet, dass wir uns über so etwas wie Wahrheit immer zoffen werden. Solange wir streiten können, ist es um die Freiheit in diesem Land gut bestellt.

Wenn wir aber beginnen, im Angesicht des Terrors diese Offenheit gegen Abschottung, Toleranz gegen Ressentiment einzutauschen, dann läuft meines Erachtens etwas falsch in diesem Land, denn dann geben wir die „Leitkultur“ einer aufgeklärten Gesellschaft auf. Dann geht die Saat der Terroristen auf. Dann kehren wir zurück zu einer Gesellschaft, die wir längst überwunden hatten. Das ist eine Gesellschaft, in der es verordnete Wahrheiten gibt, in der Vielfalt durch Einfalt ersetzt wird und in der wir wieder anfangen, Menschen nach ihrer Herkunft und ihrem Glauben zu bewerten. Ich glaube, das kann hier niemand ernsthaft wollen.

Wer die Verletzlichkeit einer freiheitlichen Gesellschaft durch hundertprozentige Sicherheit ersetzen will, der wird am Ende beides verlieren. Die Freiheit und die Sicherheit. So ähnlich hat das schon Thomas Jefferson formuliert. Was wir dagegen brauchen, ist den Mut zur Angst. Denn wer offen ist, der kann verletzt werden. Wir sind verwundbar, weil wir offen und frei sind. Diesem Dilemma können wir nicht entfliehen. Dazu gehört Mut, dazu gehört Stehvermögen. Stellen wir uns der Intoleranz entgegen. Stellen wir uns den Ideologen und Wahrheitsaposteln entgegen. Lassen wir nicht zu, dass Menschen diskriminiert werden. Lassen wir nicht zu, dass Menschen Gewalt predigen. Hass ist keine Meinung, sondern Hass ist Gift.

Aber vor allem sollten nicht den Fehler begehen, das aufzugeben, was das Leben hier in Europa so lebenswert macht: Unsere Freiheit und unsere Lebenslust.

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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