Ist die Suche nach dem Sinn eigentlich Unsinn?

DenkenMan sagt vor allem Männern so um das vierzigste Lebensjahr nach, dass sie anfällig für eine Sinnkrise seien. Man nennt das Midlife-Crisis. Meine Erfahrung im Coaching ist, dass das kein Problem von Männern und keines von Lebensphasen ist, sondern mehr und mehr eine ganze Generation erfasst. Oder positiv formuliert: Die Sinnsucher sind voll im Trend. Doch nun kommen die Zweifler und fragen: Macht die Suche nach dem Sinn überhaupt Sinn?

Muss Arbeit Sinn machen? Ist die Sinnsuche nicht ein Luxus der Gutverdiener, die nun zu Gutmenschen mutieren und sich das leisten können? Trifft den Rest vor allem der Wahnsinn? Was ist mit der Reinigungskraft oder der Kassiererin im Supermarkt, die für wenig Geld hart arbeiten? Klingt die Sinnfrage in deren Ohren nicht wie Hohn? Sollten wir uns nicht damit begnügen, dass wir anständig bezahlt werden und die Chemie in der Firma einigermaßen stimmt? Mein Kollege Markus Väth wettet in seinem Blog darauf, dass in wenigen Jahren statt der Frage nach dem Sinn schon wieder Unterordnung, Ausharren und Loyalität hoch im Kurs stünden.

Jede Wette

Da wette ich glatt dagegen. Zum einen habe ich genügend Menschen kennengelernt, die nicht zu den monetären Gewinnern dieser Gesellschaft zählen und dennoch einen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Weil sie das Gefühl haben, einen Mehrwert für sich und andere zu leisten. Das sind z.B. Menschen in Heil- und Pflegeberufen, das sind junge Architekten, die sich für ein Praktikantengehalt zwölf Stunden am Tag und noch am Wochenende ins Zeug legen. Aber sinnvolle Tätigkeit muss nicht immer ein kreativer Job oder Arbeit am Menschen sein. Warum sollen nicht auch eine Reinigungskraft und eine Kassiererin einen Sinn in ihrer Arbeit sehen? Sie sind Teil eines Ganzen, das ohne sie nicht funktionieren würde, und das deshalb auch (Selbst-)achtung verdient.

Doch da ist zum anderen noch etwas, das ich für bedeutsam halte. Ist Sinn nicht ein starker Motivationsfaktor? Ist das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, nicht stärker als Druck, Kontrolle und monetäre Anreize es ein können? Denken Sie an Ihren Job! Legen Sie sich vor allem ins Zeug, weil Sie dafür bezahlt bekommen oder weil Sie ihrer Arbeit einen Sinn abgewinnen können?  Sicher, es geht auch ohne. Laut einer Gallup-Studie hatten 2012 sechs von sieben Beschäftigten keine oder nur eine geringe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Nur ein Siebtel gab an, eine hohe emotionale Bindung zu haben. Das schränkt die Suche nach dem Sinn doch stark ein, finde ich. Und nun stelle ich mir gerade vor, wie es wäre, wenn auch nur ein Teil derjenigen, die schon innerlich gekündigt haben, einen Sinn in ihrer Arbeit entdecken.

Sinn als Motivator

Der leider viel zu früh verstorbene Psychologe und Therapieforscher Klaus Grawe sieht in dem Streben nach Selbstwert ein typisch menschliches Grundbedürfnis. Keine andere Spezies hat diesen Antrieb, sich selbst immer wieder zu bestätigen, Anerkennung, Empathie oder sogar Liebe zu empfangen und nicht zuletzt  – auch über sich selbst hinauszuwachsen. Doch wie kann meine Arbeit meinen Selbstwert stärken, wenn Sie mir nicht sinnvoll erscheint? Und darum ist die Frage nach dem Sinn eine originär menschliche, die allenfalls in Sklavenhalterkulturen im Keim erstickt wurde und teilweise noch wird. Wer mit denkenden und fühlenden menschlichen Wesen zu tun hat, wird meines Erachtens der Frage nach dem Sinn nicht ausweichen können, wenn er sich selbst oder andere motivieren möchte.

Jedes mal wenn ich mit Führungskräfte über dieses Thema spreche, erleben diese fast ausnahmslos große Aha-Erlebnisse. Nicht weil ich ihnen den Sinn ihrer Arbeit erkläre (das können sie selbst), sondern weil ihnen klar wird, wie sehr die Beantwortung der Frage „warum?“ eine so starke Zugkraft hat.  Aufgaben sind nicht deshalb zu erledigen, weil eine Autorität es anordnet, sondern, weil es einen Sinn macht. Und wer diesen Sinn nicht vermitteln kann, sollte über den Sinn vielleicht den einen oder anderen Gedanken verschwenden. Denn das Stellen der Sinnfrage macht uns zu Menschen und führt uns in die Sphären jenseits unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie Emanuel Kant das so schön gesagt hat.

Charismatiker und Karrieristen

Und nun trifft die Sinnfrage auch die Gutverdiener und Erfolgreichen, für die Karriere so ein schillernder Begriff ist.  Mein geschätzter Kollege Peter Dilg wies uns auf unserem Trainertreffen im Sommer in einer Keynote auf die Irrungen des Erfolgs hin. Denn Erfolg er-folgt. Er ist die Folge von etwas. Im Idealfall folgt er einer sinnvollen Arbeit, der wir uns mit Leidenschaft und, ja, vielleicht sogar mit Liebe widmen. Das ist gewissermaßen das Geheimnis des Erfolgs. Und das, so möchte ich hinzufügen, macht für mich den Unterscheid zwischen Charismatikern und Karrieristen aus. Erstere sind von einem Sinn getrieben, Letztere streben den direkten, eher egozentrischen Weg zum Erfolg an, eben ohne Sinn und Leidenschaft. Denen geht es um den Erfolg des Erfolgs willen. Spätestens aber, wenn sich der erhoffte Erfolg nicht schnell genug einstellt, wenn Menschen auf Hindernisse und Widerstände stoßen, stellt sich die Sinnfrage. Dann trennen sich die Wege der Leidenschaftlichen und der Leidenschaftslosen.

Damit Sie nicht in die Erfolgsfalle tappen, wünsche ich Ihnen besinnliche Festtage und ein sehr leidenschaftliches neues Jahr. Möge es Ihnen gut gelingen und dann gern auch Erfolg bescheren.

 

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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5 Antworten auf Ist die Suche nach dem Sinn eigentlich Unsinn?

  1. Lars Hahn sagt:

    Wunderschöner Artikel. Den Sinn des Berufs oder der Berufung zu finden, halte ich auch für elementar wichtig. Auf Dauer macht es einen großen Unterschied, ob ich morgens mit einem Lächeln aufstehe oder mit einem Ächzen, weil mir die Arbeit nicht passt. Und in der Tat denke ich auch, dass das nicht den akademischen Wissensarbeitern vorbehalten ist.

    Mir jedenfalls macht meine Arbeit Freude – eben weil ich den Sinn erkenne und fühle.

    Der letzte Absatz macht mir allerdings ein wenig Kummer: Charismatiker oder Karrierist. Ich tu mich schwer mit dem Begriff Charisma, das verbinde ich immer mit so erhöhten Menschen wie Nelson Mandela oder mindestens Willy Brandt 😉
    Gibt’s denn nichts dazwischen? Der sinngeleitete Pragmatiker täte es für mich bisweilen auch.

    • Bei Charismatiker müssen Sie ja nicht gleich so hoch greifen, Lars. Ich kenne charismatische Menschen, die weit darunter anzusiedeln wären, aber immer noch genügend Strahlkraft haben durch das was sie tun, wie sie es tun und vor allem, warum sie es tun.

  2. Ihren Artikel habe ich mit richtig viel Freude gelesen und ich bin auch der Meinung, dass wir uns um den Sinn kümmern müssen. Die Bücher von Viktor Frankl habe ich mehrmals gelesen, weil er so eindrücklich beschreibt, wie gut uns Sinn tut und hilft schwierige und sogar äußerst schwierige Lebensphasen zu bewältigen.

    Ich glaube auch, dass wir in vielen Tätigkeiten den Sinn entdecken können. So kann ich mich gut erinnern, dass ich nach meinem Studium mit meinem Lehrerberuf kreuz unglücklich war und ich habe damals den Obstverkäufer beneidet, weil ich bei ihm wahrgenommen habe, mit wieviel Freude er sein Obst an uns Kunden verkauft hat, obwohl er bei Wind und Kälte und Hitze zu arbeiten hatte.

    Ich wünsche hier allen ein sinnerfülltes Weihnachtsfest und Zeit für sich, um über den Sinn nachzudenken.

    Für Sie Herr Sander, ich lese Ihren Newsletter jedes Mal gerne – vielen Dank für Ihre wertvollen Beiträge.

    • Das lese ich gern, Frau Hettenkofer. Ich denke, dass jeder, der auf seine Weise einen Mehrwert produziert, auch Sinn in seiner Arbeit finden kann. Schwierig wird es nur dann, wenn der Verdienst zum Lebensunterhalt nicht ausreicht.

      Auch Ihnen und allen anderen Lesern ein schönes Fest und alles Gute für 2014!

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