Die Fiktion der Erinnerung.

Trauen Sie Ihren Erinnerungen? Die meisten Menschen würden diese Frage mit ja beantworten. Doch die Forschung zeigt: Sie sollten sich da nicht so sicher sein. Wir glauben, dass unser Gedächtnis so wie ein Aufnahmegerät funktioniert. Unsere Erinnerung ist aber eher wie eine Wikipedia-Seite angelegt, denn sie ist veränderbar. Das ist das Ergebnis der Forschungen  der amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus.

Als ich neulich in der Autowerkstatt die Frontscheibe meines Wagens wegen eines Steinschlags austauschen ließ und den Wagen wieder abholte, traute ich meinen Augen nicht. Statt einer getönten hatte man mir eine ungetönte Scheibe eingebaut. Die alte Scheibe war aber getönt und genau so eine wollte ich wieder haben. Als ich den Meister dann zur Rede stellte, behauptete der auch noch, dass die ausgetauschte Scheibe nicht getönt gewesen sei. „Doch, sagte ich. Die war getönt. Ganz sicher. Haben Sie die noch da?“ Wir gingen zum Lager und siehe da, die alte Scheibe war  – nicht getönt. „Aber ich hätte schwören können …“ stammelte ich. „Na, wie gut, dass sie das nicht getan haben“, sagte der Meister und grinste.

Doch wie kann das sein? Wir sind uns manchmal ganz sicher und irren uns doch? Die Erklärung ist denkbar einfach: Ebenso wie jede unserer Wahrnehmungen unser Bewusstsein nur gefiltert erreicht, ist auch jede Erinnerung ein Ergebnis einer unbewussten Interpretation. Und sie kann sich im Laufe der Zeit verändern. So erinnern sich Menschen an Dinge, die nie stattgefunden haben. Wir können sogar durch Erzählungen Erinnerungen in Menschen erzeugen, so dass diese glauben, die Begebenheit selbst erlebt zu haben.

Nicht nur dubiose Sektengurus machen sich diese Fähigkeit zu nutze. Auch in seriösen Psychotherapien oder in Polizeiverhören wird Wirklichkeit teilweise neu erzeugt: Eine Klientin, die von ihrem sexuellen Missbrauch in der Kindheit überzeugt ist, weil ein Therapeut ihr das suggeriert hat, ein Tatzeuge, der einen vermeintlichen Täter sicher wiedererkennt, obwohl der nachweisbar unschuldig ist.

Elizabeth Loftus zeigt anhand vieler Beispiele, wie erinnerte Realität zu einer trügerischen Realität werden kann und wie sie selbst zur Zielscheibe von Anfeindungen wurde.  Weil sie suspekte Therapiemethoden als gefährlich entlarvte.


Warum sind diese Erkenntnisse so wichtig auch für die Arbeit im Coaching? Weil wir akzeptieren sollten, dass neben unsere Wahrnehmungen auch unsere Erinnerungen ein Konstrukt unseres Gehirns sind. Sind diese Erinnerungen mit Leid verbunden, so können wir sie natürlich nicht einfach wegwischen, denn selbst wenn das Leid auf falschen oder verzerrten Erinnerungen beruht, so ist das Gefühl doch echt und erfordert Empathie, wenn wir es heilen möchten. Es erfordert dann allerdings alsbald den Schwenk zu unseren Ressourcen und zu gangbaren Lösungen, wenn wir verhindern möchten, das sich Schmerz zu einer lang anhaltenen Problemtrance entwickelt. Auch darum ist Problemfokussierung so wenig hilfreich oder führt zu sehr langwierigen Lösungsprozessen.

Auch im Konfliktmanagement und in der Mediation von Konflikten sollten wir den Unterschied von Wirklichkeit und wahrgenommener Wirklichkeit uns immer wieder vor Augen halten. Manchmal ist es in Konflikten hilfreich, unterschiedliche Wahrnehmungen und Erinnerungen einfach mal so im Raum stehen zu lassen und das „Recht haben“ sowie die Suche nach Schuld ad Acta zu legen. Ein gewisses Maß an Demut täte der Beziehung zu anderen Menschen,  aber auch uns selbst ganz gut.

Den Hof der Autowerkstatt verließ ich übrigens mit eben dieser Demut. Und ich sage Ihnen: Irgendwie doch ein gutes Gefühl.

 

Das könnte Sie auch interessieren:

Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
Dieser Beitrag wurde unter Coaching abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.