Das emotionslose Büro

EmotionWie viel Gefühle sind am Arbeitsplatz erlaubt? Experten sagen: Starke Emotionen am Arbeitsplatz sind unprofessionell. Sie empfehlen Emotionsarbeit. Geht das überhaupt?

Der Psychologe Gerhard Blickle sagt über Emotionen im Beruf (Interview mit der Zeit): „Sinnvoll ist eine freundlich distanzierte Haltung. Das Innerste, das, was einen tief drinnen bewegt, geht keinen etwas an. Denn am Arbeitsplatz ist man immer auf Anschlusskommunikation angewiesen.“ Aber er sagt auch: „Beim faking in bad faith ist erwiesen, dass es die Menschen ziemlich nervt und anstrengt. Das ist nicht gut für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz und führt dazu, dass man früher Burn-out bekommt. Die Diskrepanz zwischen empfundenem und dargestellten Gefühl ist zu groß.“

Hm, denke ich, was machen wir denn da? Wir sollen im Job immer schön freundlich sein, aber wir müssen auch auf unsere psychische Gesundheit achten.

Wie geht denn das zusammen?

Menschen sind keine Kommunikationsmaschinen. Die Faszination, die von Androiden, menschartigen Robotern ausgeht, beschränkt sich für mich auf das Genre des Science Fiction. Androiden sind emotionslose Wesen, die von perfekter Ration gesteuert ihren Job machen. Frage an den geschätzten Leser: Möchten Sie im Job von Androiden umgeben sein? Ich nicht. Aber ich denke, dass Gerhard Blickle das auch nicht will. Er sagt: „Aber um Missverständnissen vorzubeugen: Das heißt nicht, dass man keine Gefühle zeigen darf.“ Das beruhigt mich ungemein. Aber dann fährt er fort: „Ein gutes Beispiel sind Politiker: Von denen wird erwartet, dass sie sich auf Knopfdruck begeistert oder betroffen zeigen können.“ Ja, aber Herr Blickle, nun seinen wir mal ehrlich: Wer erwartet von Politikern denn Emotionen auf Knopfdruck? Werden Politiker nicht auch deshalb immer wieder kritisiert, weil sie nicht authentisch wirken, Emotionen eher vorspielen und vor allem effekthascherisch einsetzen? Die reinsten Emotionsandroiden.

Wir kommen wir nun aus diesem Schlamassel wieder heraus? Ich möchte einen Vorschlag machen: Schauen wir uns doch einmal an, welche Rolle Emotionen und ihre Regulation in der menschlichen Kommunikation spielen. Und da werden wir ganz schnell zu der Erkenntnis kommen, dass sich Emotionen und Ratio gar nicht trennen lassen. Ohne Gefühle kein Verstand. Schon vor längerer Zeit hatte ich in einem Blogbeitrag dargestellt, warum das so ist. Hier nur die Kurzform: Emotionen sind der Schlüssel zu unserer unbewussten Erfahrung, also all den Dingen, die uns als Fakten oder Lebensepisoden nicht unbedingt präsent sind, aber dennoch in unserem Erfahrungsgedächtnis als integrierte Information vorhanden sind. Der Psychologe Julius Kuhl spricht in seinem Persönlichkeitsmodell vom Extensionsgedächtnis, also dem erweiterten Gedächtnis.

Wer einen guten Zugang zu Emotionen hat, der handelt zunächst einmal überhaupt nicht unvernünftig. Im Gegenteil: Menschen, denen das aufgrund einer neurologischen Störung nicht gelingt, treffen kurzsichtige Entscheidungen und einige verlieren sogar  die Fähigkeit zur selbständigen Lebensführung, da sie in komplexen Situationen keinen gefühlsmäßigen Zugang zu Erfahrungen haben (DAMASIO 1997). Vernunft und Emotionen sind keine Gegenpole sondern Partner im Spiel des Lebens.

Dies ist die eine Seite der Emotionalität. Die Andere ist die Frage, wie ich im beruflichen Kontext Emotionen äußere. Das ist es wohl, was Blickle mit Emotionsarbeit meint. Aber wohlgemerkt: Hier geht es nicht um die Frage, wie ich eine emotionale Sprache bewusst einsetze, und auch nicht darum, wie ich Gefühle effektiv unterdrücke, sondern wie ich mit dem, was mich innerlich bewegt, konstruktiv umgehe. Und hier sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass Emotionen etwas zutiefst  Menschliches sind. Gefühle werden in unserem limbischen System, unterhalb des Großhirns erzeugt und sind immer an Verarbeitung von Wahrnehmungen und an allen Entscheidungen beteiligt. Und an der Kommunikation zwischen Menschen. Denn wenn wir mit anderen kommunizieren, dann prüft unser Gehirn ständig die Authentizität und den Beziehungsstatus und sendet schließlich ein wie auch immer geartetes Gefühl in unser Bewusstsein. Beispiel: Jemand versucht Sie von einer Sache zu überzeugen, aber Sie glauben ihm trotz seiner bestechenden Argumente nicht. „Ich weiß auch nicht so genau warum, aber ich habe so ein komisches Gefühl …“. Hier stimmt die Chemie offenbar nicht, hier sticht das Gefühl die vermeintliche Vernunft aus.

Es gibt kein Handeln ohne Emotion und es wäre töricht, in vielen Fällen sogar gefährlich, Emotionen aus der professionellen Kommunikation zu verdammen. Und dennoch: Menschliche Zivilisation ist eine Geschichte zunehmend komplexerer Affektkontrolle, wie es der Soziologe Norbert Elias einmal formuliert hat. Wem es nicht gelingt, seine Affekte kultur- und situationsgemäß zu kontrollieren, der eckt an und hat schnell ein Problem – oder macht Karriere. Führungsetagen sind voll von Cholerikern und  Narzissten. Deren bestimmende Emotionalität wird immer noch als Stärke interpretiert. Leider. So gesehen, würde ich Blickle sogar zustimmen: Derartige Emotionalität finde ich auch unprofessionell. Und das gilt generell für den Umgang mit stressbehafteten Situationen, die entsprechende Gefühlsäußerungen auslösen: Wutausbrüche, Zynismus, Beleidigungen und dergleichen. Hier und nur hier würde ich eine Grenze setzen. Wer in schwierigen Situationen schnell ausrastet, zeigt seine Überforderung. Er oder sie hat dann keinen Zugang zu intelligenten Mechanismen der Problemlösung und reagiert mit einer der drei grundlegenden Stressreaktionen: Angriff, Flucht oder Erstarrung.

Hier hilft aber kein Appell, sondern eher die Atmosphäre eines offenen und wertschätzenden Umgangs miteinander, der Platz für Ärger und Freude gleichermaßen lässt. Gerade das Miteinander spielt hier eine wesentliche Rolle, denn da wo Beziehungsstörungen in der Luft liegen, kann keine stressfreie Arbeitsatmosphäre entstehen. Aber das ist eben mehr als gespielte Freundlichkeit, sondern gegenseitiger Respekt und Kooperation. Hier haben echte Emotionen, positive wie negative ihren Platz, denn alles andere würde die Grundlage vertrauenswürdigen Zusammenarbeitens in einer Organisation unterlaufen. Wie viel Vertrauen setze würden Sie in einen immer freundlich-distanzierten Kollegen setzen? Und ja, da kann es auch mal krachen, denn Reibung erzeugt bekanntlich Wärme – solange wir es nicht dabei belassen, sondern anschließend auch die Scherben gemeinsam aufkehren. Mir jedenfalls ist das lieber als professionelle Langeweile. Das emotionslose Büro kann und darf es daher nicht geben. So, genug aufgeregt. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende mit viel Emotionen!

Literatur:

ZEIT ONLINE (2013): Gefühle im Job: „Das Innerste geht keinen etwas an“. Wie man im Arbeitsalltag mit Emotionen umgeht – ein Gespräch mit dem Psychologen Gerhard Blickle. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/2013/20/interview-blickle-gefuehle-im-job

Damasio, Antonio R. (1997): Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. 3. Aufl. München: List.

Nächste Woche gibt es wieder einen Coaching-Tipp: So gehen Sie professionell mit negativen Emotionen um.

Das könnte Sie auch interessieren:

Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
Dieser Beitrag wurde unter Denken, Fühlen, Handeln abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Das emotionslose Büro

  1. Nelli Diel sagt:

    Zu dem Thema „Ohne Gefühle kein Verstand“ habe ich gestern folgenden Artikel gelesen: http://www.newslichter.de/2013/06/das-gehirn-in-unserem-herzen/
    Sehr interessant.

    • Spannend. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass das Herz eigenständig Entscheidungen trifft. Die Vielzahl der neuronalen Verbindungen beweist das nicht. Das kardiovasculare System ist ebenso wie andere Systeme unseres Körpers eng mit den Gehirn verbunden. Schließlich liegt die Hauptfunktion unsere Gehirns darin, Körperfunktionen zu steuern und im Gleichgewicht zu halten. Insofern „denkt“ der Körper natürlich immer mit. Die Trenung zwischen Körper und Geist ist eine künstliche Trennung, die uns die Aufklärung beschert hat. Wir sollten beides wieder zusammenführen.