Mitbestimmung: Ist links Überholen im Unternehmen eigentlich erlaubt?

Es war irgendwie klar, dass es so weit kommen musste. Es gab einen jahrzehntelangen Kampf in den Unternehmen, unversöhnliche Standpunkte zwischen Arbeitnehmervertretern auf er einen Seite und Unternehmern auf der anderen Seite. Die einen forderten Demokratie ein, die Anderen sahen die Produktivität in Gefahr. Und jetzt das!

Die Frage lautete: Wie stark sollen und können Beschäftigte an Unternehmensentscheidungen beteiligt werden? Schon lange gibt es bei uns Betriebsräte und es gibt Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten der Aktiengesellschaften. Es gibt außerdem die Tarifautonomie, in der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände die Tarifverträge aushandeln.

Schön und gut. All das ist politisch gewollt und akzeptiert. Denn die Mitbestimmung und die Tarifautonomie haben, da sind sich beide Seiten einig, entscheidend zum sozialen Frieden in Deutschland beigetragen. Dennoch: Mitbestimmung nervt viele Unternehmer, stört sie doch die unternehmerische Handlungsfreiheit. Und sie schmälere die Produktivität, da sie den Aufwand erhöht – so lautet jedenfalls das Credo der Unternehmerseite.

Doch nun werden nicht nur diese Glaubenssätze wissenschaftlich in Frage gestellt, sondern sogar die Gewerkschaften noch links überholt. In einer Anfang 2011 veröffentlichten Studie konnte nämlich gezeigt werden, dass die Produktivität der Arbeitnehmer steigt, wenn sie unmittelbar selbst über ihre Entlohnung bestimmen können. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um Entscheidungen in Tarifverhandlungen, sondern um Entscheidungen direkt an der Basis.

Hier bröckeln nach und nach liebgewonnene Glaubenssätze des zwanzigsten Jahrhunderts dahin. Erst stellt sich in zahlreichen Untersuchungen heraus, dass leistungsbezogene Bezahlung und Incentives auf die Motivation so gut wie keinen Einfluss haben, ja dass die sogar einen Korrumpierungseffekt entfalten können und dann sogar desmotivierend wirken. Dann manövrieren mit Boni reich gesegnete Bankmanager die Weltwirtschaft bis an den Abgrund, Island geht daraufhin Pleite, rächt sich mit einem Vulkanausbruch und legt den europäischen Luftverkehr lahm. Doch dieser Vulkan war eher harmlos im Vergleich zu dem Paradigmenwechsel, der sich nun mehr und mehr anbahnt.

In einem einfachen Labortest konnten Wissenschaftler zeigen, dass Arbeiter, die ihr Entlohnungsschema mittels demokratischer Entscheidung selbst wählen konnten, signifikant bessere Leistungen zeigten als eine Kontrollgruppe, die einem festgelegten Bezahlungssystem unterworfen war. Im Test ging es um die Lösung mathematischer Aufgaben. Die Versuchspersonen, die ihr Kompensationsschema selbst wählen konnten, erzielten eine signifikant höhere Erfolgsquote bei der Lösung der Aufgaben.

Verbessert Selbstbestimmung also das Denkvermögen? Offenbar. Jedenfalls legt das diese Untersuchung nahe. Mitbestimmung ist demnach nicht nur ein guter Motivator sondern wirkt auch leistungsfördernd.

Dies deckt sich sehr gut mit Ergebnissen der neurobiologischen Forschung. Denn Menschen haben nicht nur die Fähigkeit, sondern ein angeborenes Bedürfnis, über sich selbst hinauszuwachsen und ihr Leben selbst zu gestalten. Zudem sind wir soziale Wesen. Unser Gehirn ist ein soziales Konstrukt, wie der Hirnforscher Gerald Hüther sagt. Dort wo wir gemeinschaftlich Lebensräume gestalten können, wirken die beiden Grundbedürfnisse „soziale Bindung“ und „persönliches Wachstum“ zusammen und schaffen ein Klima, in dem Motivation entstehen kann. Wer im Unternehmen also Gestaltungsräume schafft, auch bei der Entlohnung, der erzeugt nicht nur ein gutes Gefühl, sondern steigert damit potentiell auch die Arbeitsproduktivität. Links überholen erlaubt? Ja! Was im Straßenverkehr Vorschrift ist, sollte auch in Unternehmen immer mehr Einzug halten.

Quelle:

Mellizo, Philip; Carpenter, Jeffrey; Matthews, Peter Hans (2011): Workplace Democracy in the Lab. Forschungsinstitut der Zukunft der Arbeit. (IZA Discussion Paper, 5460). Online verfügbar unter http://ftp.iza.org/dp5460.pdf.

 

 

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Eine Antwort auf „Mitbestimmung: Ist links Überholen im Unternehmen eigentlich erlaubt?“

  1. Sag´ ich doch! Als (Ex-) Arbeitgeber habe ich genau diese Selbsterfahrung machen dürfen. Noch heute steht das (ehemalige) Personal hinter mir. Mitbestimmung im Rahmen der jeweiligen Kompetenzen ist aus meiner Sicht nicht einfach nur Motivator. Der Mitarbeiter steht zu seiner Arbeit, vollkommen freiwillig und authentisch. Dazu gehört allerdings auch eine gepflegte Fehlerkultur. So kam es, dass die Mitarbeiter selbstständig ihre Fehler erkannten und korrigierten.

    Auch der Unternehmer sollte sich dabei nicht über die Mitarbeiter stellen. Auch er darf Fehler machen. Wenn er dann dazu steht, wird er weitaus mehr akzeptiert.

    Viele Grüße
    Marco Teschner

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