Coaching-Tipp: Der Klügere gibt eben nicht nach!

„Der Klügere gibt solange nach, bis die Klugheit ausgestorben ist“, sagt die Verballhornung einer alten Weisheit. Wie aber lässt sich ein Konflikt derart lösen, dass sowohl den verletzten Gefühlen als auch der Vernunft Rechnung getragen wird? Geht das überhaupt? Dass es geht, konnte der amerikanische Psychotherapeut Marshall Rosenberg mit seiner Gewaltfreien Kommunikation (GFK) beweisen. In  meinem Buch „Change! Bewegung im Kopf“ habe ich beschrieben, wie diese Kommunikationsform funktioniert. Hier ein Auszug:

  • Erster Schritt:
    Sie sollten davon ausgehen, dass Menschen gute Gründe haben, warum sie derzeit so agieren, wie sie es tun. Respektieren Sie die innere Landkarte des anderen und vermeiden Sie, das Verhalten oder sogar die Person selbst zu beurteilen (etwa: »Ihr Verhalten ist völlig daneben« oder »Sie sind ein schwer erträglicher Mensch.«). Stattdessen schlägt Rosenberg vor, zunächst nur Ihre Wahrnehmung auszudrücken, etwa: »Ich habe den Eindruck, dass Sie das Verhalten von Kollege F. ziemlich in Rage gebracht hat.«. Dann hat der Andere die Chance zu reagieren, ohne sich angegriffen fühlen zu müssen. Sie spiegeln ihm einfach Ihre Wahrnehmung zurück, ganz ähnlich wie beim aktiven Zuhören. Sie können auf seine Reaktion dann wiederum spiegeln. Wenn er zum Beispiel sagt: »Ja, Kollege F. ist ein Idiot und verdient es nicht anders« könnten Sie sagen: »Sie möchten also, dass Kollege F. sein Verhalten ändert?« usw. Versuchen Sie dabei die Intentionen hinter den Emotionen zu erfassen und Ihrem Gegenüber zu zeigen, dass Sie ihn verstehen wollen. Schon auf dieser Stufe entspannen Sie die Situation enorm. Der meiste Dampf ist dann abgelassen.
  • Zweiter Schritt:
    Sie teilen dem Anderen Ihr Gefühl zu der Wahrnehmung mit, etwa: »Ich merke, dass mich Ihr Verhalten enorm ärgert.« Sie sprechen über Ihre Gefühle und wieder aus der Ich-Perspektive. Dieser Schritt ist bedeutsam, weil er der Achtsamkeit vor den eigenen Emotionen dient.
  • Dritter Schritt:
    Äußern Sie ein Bedürfnis, etwa: »Mir ist es wichtig, dass wir in dieser Firma einen respektvollen Umgang pflegen.«
  • Vierter Schritt:
    Äußern Sie eine Bitte, etwa » … und ich bitte Sie daher, auch mit Kollege F. respektvoll umzugehen.«

Hier wird die Kommunikation von einer Stressgeladenen Atmosphäre heruntergeholt. Neurobiologisch formuliert, gelangt sie wieder vom limbischen System in die Großhirnrinde. Erst danach ist an eine gemeinsame Lösungssuche zu denken. Daher sollten uns ein ansteigender Adrenalinpegel und ein verengter Blick spätestens nach dem ersten Gefühlsausbruch als Stoppsignal dienen. Das heißt: Auszeit, tief Luftholen und dann den Anderen sowie sich selbst wahrnehmen. Erst dann reagieren.

Warnung: Die Gewaltfreie Kommunikation ist kein reines Kommunikationsschema. Sie erfordert eine Grundhaltung, welche den Anderen auch im Konflikt wertschätzt. Besteht diese Haltung nicht und wird die Gewaltfreie Kommunikation lediglich auf ein Schema reduziert, ist sie nicht mehr authentisch und wirkt aufgesetzt.

Literatur:

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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2 Antworten auf Coaching-Tipp: Der Klügere gibt eben nicht nach!

  1. Oliver Rumpf sagt:

    Das Buch von Marshall B. Rosenberg ist wirklich gut. Diese (und viele andere Bücher) sollten unsere Kinder in der Schule lesen.

    Danke für die Zusammenfassung

    Viele Grüße
    Oliver Rumpf

  2. Die GFK kann in vielen Situationen sehr hilfreich sein und das nicht nur in Konflikten. Daher vielen Dank, dass Sie sich diesem Thema widmen.

    Mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihrer Zusammenfassung die genannten Gefühle mit dem Verhalten des Gegenübers in Verbindung bringen … also mit dem Auslöser. Nach der GFK entsteht das Gefühl jedoch über das Bedürfnis. Das Verhalten des Gegenübers lässt uns erkennen, dass im Moment ein wichtiges Bedürfnis nicht erfüllt ist. Und aus dieser Situation heraus ensteht ein Gefühl.

    Wenn wir diese vermeintliche Kleinigkeit betrachten, reduziert sich die Gefahr erheblich, dass die andere Person sich durch die Äußerung angegriffen fühlt und wir suchen die Verantwortung unserer Gefühle auch nicht im Außen.

    Manchmal braucht es aber einiger Ehrenrunden, bis eine gute Basis für ein Gespräch vorbereitet ist … trotz der Ich-Form und der Verantwortung für die eigenen Gefühle, die durch die erfüllten oder nicht erfüllten Bedürfnisse ausgelöst werden.

    Bringen Sie etwas Geduld mit, wenn Sie versuchen die vier Schritte der GFK umzusetzen. Sie werden nach kurzer Zeit die etwas künstlich anmutenden vier Schritte in die Alttagssprache übersetzten und die Früchte ernten …

    Beste Grüße,
    Olaf Karwisch