Bauch im Kopf: Vom Nutzen der Intuition

Was funktioniert besser: Unser Bauchgefühl oder unser Verstand? Auf was sollen wir uns im Zweifel verlassen? Inzwischen hat die Gehirnforschung zeigen können, dass sich diese Frage so gar nicht stellt, da nämlich beide unzertrennlich sind.

Intuition steuert den größten Teil unseres Verhaltens. Man kann es Bauchgefühl, Eingebung oder sechsten Sinn nennen. Und man muss dafür auch gar nicht die esoterische Kiste aufmachen, denn die Neurowissenschaften legen uns längst nahe, das Bild des Menschen als kognitiv-rational gesteuertes Wesen ins Museum zu hängen.

Schon der Neurobiologe Antonio Damásio hat in seinem Buch „Descartes Irrtum“ vorgeschlagen, den Satz „Ich denke, also bin ich“ durch den Satz „Ich fühle also bin ich“ zu ersetzen. Ohne Intuition, ohne gefühlte Sicherheit, könnten wir gar nicht vernünftig handeln. Und daher ist es unser Gefühl für etwas, das uns mehr steuert als bewusste Abwägung von Entscheidungen. Doch warum ist das so?

Neuronale Landschaften

Intuition ist das Integral unserer gesammelten Erfahrungen. Hier zählen nicht Einzelerlebnisse, sondern die resultierenden Muster aller relevanten Detailerfahrungen. So wie Witterung, Plattentektonik und Vegetation das Profil der Landschaft prägen, so erzeugt unser Erleben innere, neuronale Landschaften in unserem Gehirn. Was uns davon ins Bewusstsein dringt, ist eben ein bestimmtes Gefühl. Der Psychologe Julius Kuhl unterscheidet in seiner Persönlichkeitstheorie zwischen unserem Intentionsgedächtnis (das unsere bewussten Absichten speichert) und dem Extensionsgedächtnis, das all unsere relevanten Erfahrungen integriert. Über die intuitive Handlungssteuerung nutzen wir letzteres für unser Verhalten.

Das tun wir ständig, weil alles andere neuronal völlig ineffektiv wäre. Unser Bewusstsein ist wie ein seriell arbeitender Computer: langsam und mit wenig Arbeitsspeicher. Unsere intuitive Handlungssteuerung arbeitet parallel und effektiver als jeder Computer der Welt. Wenn wir jedes Mal nachdenken würden, wie wir genau Autofahren, Zähneputzen oder Kommunizieren, dann wäre unser Leben sehr, sehr mühselig. Auch und gerade, wenn wir schwierige Entscheidungen treffen müssen, ist Intuition oft hilfreicher als Nachdenken und Berechnung. Nur dort, wo wir keinen Erfahrungshintergrund haben,  hilft Nachdenken beim Entscheiden ungemein.

Intuition ist stärker als Kognition

Alle Entscheidungen gehen durch den emotionalen Filter, der uns wie eine Ampel signalisiert, ob der Weg frei ist oder wir besser halten sollten. Wächter im Hintergrund: unser Erfahrungsgedächtnis. Zwischen Intention und Intuition gibt es einen Antagonismus, der uns oft daran hindert, das zu tun, was wir wollen. Dann steht dem bewussten Willen das unbewusste (Nicht-) Wollen gegenüber. Wir nennen das dann den inneren Schweinehund oder unsere „Aufschieberitis“. Und im nu finden wir uns in kompensatorischen Aktivitäten wieder, die uns von unseren Zielen abhalten. Ärgerlich zwar, aber neuronal durchaus erklärbar.

Dieses Vermeidungsverhalten bringt uns zwar nicht weiter schützt uns aber immerhin vor Verletzungen und drohendem inneren Ungleichgewicht. Wenn Vermeidungsstrategien unser Verhalten dominieren, dann zeigt das, dass unsere bewussten Ziele nicht wirklich zünden, beziehungsweise Ängste und Zweifel stärker sind. Und solange wir unserem Gehirn keine attraktive Alternative zu Vermeidungsstrategien anbieten können, werden alle Versuche verpuffen, sie zu überwinden. Der Schweinehund lässt sich nicht einfach „wegdenken“.

Neuronales Fastfood

Eines der größten Irrtümer unserer aufgeklärten Denkweise ist der Glaube, dass unser Gehirn vorwiegend zu Denken da sei. Unser Gehirn ist aber vorwiegend dazu gemacht, unsere Körperfunktionen zu regeln. Denken ist neuronal gesehen das i-Tüpfelchen der Evolution. Zuweilen sehr nützlich, aber nur dann vorrangig, wenn unsere innere Ökologie nicht in Gefahr gerät.

Da unser Organismus immer bemüht ist, das innere Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, macht unsere intuitive Handlungssteuerung immer das, wozu sie gemacht ist: den Organismus vor Gleichgewichtsstörungen zu schützen. Und deshalb wäre es auch völlig sinnlos, den Schweinehund und die Aufschieberitis zu bekämpfen. Es würde auch gar nicht funktionieren, wollen wir nicht riskieren, richtig Probleme zu bekommen.

Menschen wählen immer die Handlungsalternative, die sie am besten beherrschen, bzw. die uns am attraktivsten erscheint. Selbst wenn das neuronales Fastfood ist: Fernsehen, Surfen und anderer Zeitvertreib. Das schafft kurzfristig Befriedigung, hilft uns aber für unsere Entwicklung nicht weiter.

Kann man da was machen? Antwort: Ja, man kann. Stellen Sie dem Schweinehund den Tiger an die Seite. Dazu im nächsten Coaching-Tipp mehr.

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Über Constantin Sander

Wissenschaftler, Marketer, Coach, Berater, Autor
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